Wissenschaftliche Literaturrecherche: Methoden & Tipps

Die Literaturrecherche stellt den Kern Ihrer wissenschaftlichen Arbeit dar. Ob Hausarbeit, Bachelorarbeit, Masterarbeit oder Dissertation: Nur mit einer gründlichen und systematischen Recherche können Sie sicherstellen, dass Ihre Arbeit den Anforderungen Ihres Betreuers und Ihrer Hochschule genügt und den aktuellen Forschungsstand abbildet.

Viele unterschätzen allerdings, wie viel Zeit das kostet. Bücher müssen erst vorgemerkt oder per Fernleihe bestellt werden, Datenbanken liefern Hunderte Treffer, und nicht jede Quelle hält, was ihr Titel verspricht. In diesem Ratgeber erfahren Sie, wie Sie systematisch vorgehen, welche Datenbanken zu Ihrem Fach passen und woran Sie gute Quellen erkennen.

1. Relevanz der Literaturrecherche

Eine sorgfältige Recherche ist kein Pflichtprogramm vor dem eigentlichen Schreiben, sondern bestimmt die Qualität Ihrer gesamten Arbeit. Ihre Hauptziele sind:

Ziele der Literaturrecherche: Überblick, Theorien, Forschungslücke, Methoden

  • Überblick: Sie erhalten einen zusammenfassenden Überblick über den aktuellen Forschungsstand auf Ihrem Fachgebiet.
  • Forschungslücke: Erst wenn Sie wissen, was bereits erforscht ist, können Sie eine mögliche Forschungslücke herausarbeiten und eigene Forschungsideen entwickeln.
  • Theorien und Modelle: Sie können relevante Theorien und Modelle in Ihre Arbeit einbinden und so Ihre Erkenntnisse untermauern.
  • Methoden: Sie sehen, mit welchen Methoden andere ähnliche Fragen untersucht haben, und können Ihre eigene Methodik begründen.

Planen Sie deshalb von Anfang an ausreichend Zeit ein. Denken Sie immer daran, dass Literatur, die nicht online verfügbar ist und in einer Bibliothek ausgeliehen werden muss, nicht sofort bereitliegt, und dass die Recherche oft mehr Zeit einnimmt als gedacht.

2. In fünf Schritten zur passenden Literatur

Gehen Sie immer systematisch und vor allem strukturiert an Ihre Recherche heran. Wer planlos sucht, findet viel und verwendet wenig. Filtern Sie nur die Quellen heraus, die wirklich wichtig für Ihr Thema sind und zur Beantwortung Ihrer Forschungsfrage beitragen.

Ablauf der Literaturrecherche: Fragestellung, Recherche, Datenbanken, Export, Dokumentation

  1. Fragestellung definieren: Formulieren Sie Ihre Forschungsfrage und arbeiten Sie das Ziel Ihrer Arbeit heraus. Sie ist der Filter für alle späteren Entscheidungen. Wie das gelingt, erklärt der Ratgeber zur präzisen Forschungsfrage.
  2. Suchbegriffe sammeln: Erstellen Sie eine Tabelle mit allen Suchbegriffen und Termini, die für Ihre Forschungsfrage relevant sind. Achten Sie penibel darauf, sowohl allgemeine als auch spezifische Begriffe aufzunehmen, dazu Synonyme, Ober- und Unterbegriffe und die englischen Entsprechungen.
  3. Datenbanken und Kataloge durchsuchen: Starten Sie breit mit dem Katalog Ihrer Hochschulbibliothek und einer fachübergreifenden Suchmaschine. Gehen Sie dann in die Fachdatenbanken Ihres Gebiets.
  4. Literatur sichten: Prüfen Sie die gefundenen Quellen darauf, ob sie wirklich relevant sind. Lesen Sie zuerst Abstract, Einleitung und Fazit, bevor Sie sich in einen Text vertiefen, und übernehmen Sie passende Treffer direkt in ein Literaturverwaltungsprogramm wie Citavi oder Zotero.
  5. Recherche dokumentieren: Notieren Sie, wann Sie in welcher Datenbank mit welchen Suchbegriffen gesucht haben. So können Sie Suchen wiederholen und Ihr Vorgehen bei Bedarf im Methodenteil nachvollziehbar beschreiben.

Tipp: Ihre Suchbegriff-Tabelle ist kein Wegwerfprodukt. Ergänzen Sie sie laufend um Fachbegriffe, die Ihnen in guten Quellen begegnen. Sie wird Ihnen bei jeder weiteren Suche in Datenbanken oder Bibliotheken helfen.

3. Suchtechniken, die Ihnen Zeit sparen

Die meisten Datenbanken und Kataloge unterstützen dieselben Werkzeuge. Wer sie beherrscht, bekommt deutlich treffsicherere Ergebnisse:

  • AND verknüpft Begriffe, die beide vorkommen müssen (z. B. Homeoffice AND Produktivität).
  • OR erweitert die Suche um Synonyme (z. B. Homeoffice OR Telearbeit).
  • NOT schließt Begriffe aus, die Sie nicht brauchen.
  • Trunkierung mit * findet verschiedene Wortendungen (z. B. Motivat* für Motivation, motivational, motivating).
  • Anführungszeichen suchen nach einer exakten Phrase (z. B. "digitale Transformation").
  • Filter für Erscheinungsjahr, Sprache, Publikationsart oder begutachtete Zeitschriften (peer-reviewed) grenzen die Treffer weiter ein.

4. Welche Datenbanken sind sinnvoll?

Welche Datenbanken Ihnen zur Verfügung stehen, hängt von den Lizenzen Ihrer Hochschule ab. Einen guten Überblick bietet das Datenbank-Infosystem (DBIS), das viele Hochschulbibliotheken nutzen. Bewährt haben sich unter anderem:

Fachübergreifend

  • Bibliothekskatalog (OPAC) Ihrer Hochschule: Bücher, Sammelbände und elektronische Zeitschriften, auf die Sie direkt Zugriff haben.
  • Karlsruher Virtueller Katalog (KVK): durchsucht viele Bibliothekskataloge gleichzeitig, hilfreich für die Fernleihe.
  • Google Scholar: allgemeine wissenschaftliche Literatur aller Fächer, inklusive Zitationsangaben.
  • ScienceDirect, SpringerLink, Web of Science und Scopus: große multidisziplinäre Plattformen für Fachzeitschriften.

Nach Fachrichtung

  • Biomedizin und Gesundheitswissenschaften: PubMed
  • Psychologie: APA PsycInfo und PSYNDEX
  • Wirtschaftswissenschaften: EconBiz und WISO
  • Rechtswissenschaft: beck-online und juris
  • Erziehungswissenschaft und Pädagogik: FIS Bildung und ERIC
  • Geistes- und Sozialwissenschaften: JSTOR
  • Ingenieurwissenschaften und Informatik: IEEE Xplore und ACM Digital Library

5. Das Schneeballprinzip: Aus einer guten Quelle werden viele

Haben Sie eine wirklich passende Quelle gefunden, lohnt sich ein Blick in ihr Literaturverzeichnis. Dort stoßen Sie auf ältere Grundlagenwerke, auf die sich die Autorinnen und Autoren stützen. Umgekehrt zeigt Ihnen Google Scholar über „Zitiert von“, welche neueren Arbeiten diese Quelle aufgegriffen haben. So arbeiten Sie sich rückwärts und vorwärts durch die Forschung.

Wichtig: Das Schneeballprinzip ergänzt die systematische Suche, ersetzt sie aber nicht. Wer sich nur auf die Literaturliste einer einzigen Quelle verlässt, übernimmt auch deren blinde Flecken.

6. Quellen richtig bewerten und die 1/3-Regel

Nicht jede Quelle ist zitierfähig. Prüfen Sie jeden Treffer mit diesen Fragen:

  • Wer ist der Autor? Ist die Person oder Institution fachlich ausgewiesen?
  • Wo ist der Text erschienen? Artikel aus begutachteten Fachzeitschriften und Fachverlagen haben ein höheres Gewicht als Blogbeiträge oder Unternehmensseiten.
  • Wie aktuell ist die Quelle? In schnelllebigen Fächern wie Informatik oder Medizin veralten Studien schnell. Klassische Grundlagenwerke dürfen dagegen älter sein.
  • Ist die Argumentation belegt? Gibt es Quellenangaben, eine nachvollziehbare Methodik und überprüfbare Daten?
  • Passt die Quelle zu Ihrer Forschungsfrage? Eine interessante Quelle, die Ihre Frage nicht beantwortet, gehört nicht in Ihre Arbeit.

Im letzten Schritt ist es wichtig herauszuarbeiten, ob das Verhältnis der gefundenen Quellen stimmig ist. Hier hat sich die 1/3-Regel bewährt:

  • 1/3 Fachliteratur und Bücher
  • 1/3 Internetquellen und Datenbanken
  • 1/3 Fachzeitschriften

Je nach Fach und Thema kann die Gewichtung abweichen. Fragen Sie im Zweifel bei Ihrem Betreuer nach.

7. Häufige Fehler bei der Literaturrecherche

  • Zu spät beginnen und dann auf die erstbesten Treffer zurückgreifen.
  • Nur deutschsprachig suchen, obwohl die internationale Forschung überwiegend auf Englisch publiziert.
  • Quellen nicht sofort mit vollständigen Angaben erfassen und später mühsam suchen müssen.
  • Wikipedia oder populärwissenschaftliche Seiten als Beleg verwenden, statt die dort genannten Originalquellen zu lesen.
  • Zu viel lesen, ohne zu filtern: Nicht jede gefundene Quelle muss in die Arbeit.

Tipp: Bei einer Masterarbeit oder Dissertation wächst die Literaturliste schnell auf einen Umfang, den Sie ohne Literaturverwaltung kaum noch überblicken. Legen Sie Ihr Programm deshalb gleich zu Beginn an und pflegen Sie es konsequent. Wie Sie ein solches Großprojekt insgesamt planen, erfahren Sie im Leitfaden zum Dissertation-Schreiben und im Leitfaden zur Masterarbeit.

8. Checkliste für Ihre Literaturrecherche

  • Zeitplan für die Recherche steht, inklusive Puffer für die Fernleihe.
  • Forschungsfrage und Ziel der Arbeit sind klar formuliert.
  • Suchbegriffe inklusive Synonymen und englischer Begriffe sind gesammelt.
  • Bibliothekskatalog, eine fachübergreifende und mindestens eine Fachdatenbank sind durchsucht.
  • Treffer sind in einem Literaturverwaltungsprogramm erfasst.
  • Quellen sind nach Qualität, Aktualität und Relevanz bewertet.
  • Die Mischung nach der 1/3-Regel passt.
  • Die Suche ist dokumentiert.

Fazit

Wir können also festhalten: Eine systematische und strukturierte Literaturrecherche ist essenziell für jede wissenschaftliche Arbeit und muss gründlich durchgeführt werden. Wer mit einer klaren Forschungsfrage startet, gezielt in den richtigen Datenbanken sucht und Quellen kritisch bewertet, spart später beim Schreiben viel Zeit. Wie Sie die gefundenen Quellen anschließend korrekt einbinden, erfahren Sie im Ratgeber Richtig zitieren.

Sie stecken mitten in Ihrer Arbeit und wünschen sich Unterstützung? Wir helfen Ihnen gerne bei der Recherche der Fachliteratur, etwa wenn Sie Ihre Masterarbeit schreiben lassen oder Ihre Dissertation professionell begleiten lassen möchten. Soll jemand Quellen, Zitierweise und Literaturverzeichnis noch einmal gründlich prüfen, ist unser wissenschaftliches Lektorat das Richtige.

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